START
ARBEIT AM TEXT
ÜBERSETZUNGEN
NOTIZEN EINES ÜBERSETZERS
KONTAKT
PL
START
ARBEIT AM TEXT
ÜBERSETZUNGEN
NOTIZEN EINES ÜBERSETZERS
KONTAKT
PL

Okt 11, 2023

Übersetzung im Raum der Erinnerung. Arbeit an der Ausstellung im Piaśnica-Museum.


Es gibt Projekte, die nicht mit der Abgabe einer Datei enden. Sie werden nicht im Ordner „Fertig“ abgelegt und verstummen nicht mit der letzten Korrektur. Sie bleiben. Sie kehren im unerwartetsten Moment zurück – in der Stille, im Wald, in einem einzelnen Satz, der zum hundertsten Mal gelesen wird. So war es bei der Arbeit an der deutschen Fassung der Dauerausstellung des Piaśnica-Museums in Wejherowo, I. Außenstelle des Stutthof-Museums. Das Projekt umfasste die Übersetzung einer Ausstellung zum Massaker von Piaśnica – einem der ersten Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung in Pommern während des Zweiten Weltkriegs.

Ich schreibe aus der Perspektive eines Übersetzers. Doch nicht allein als Erbringer einer sprachlichen Dienstleistung. Ich schreibe als jemand, der sich über viele Monate hinweg intensiv mit Dokumenten, Zeugenaussagen und Exhumierungsprotokollen auseinandergesetzt hat – mit der Verwaltungssprache des Dritten Reiches ebenso wie mit der Sprache der Nachkriegsgerichtsakten. Und mit dem, was in diesen Dokumenten unausgesprochen bleibt.

Die Ausstellung des Piaśnica-Museums lebt vom gleichwertigen Nebeneinander historischer Darstellung und dokumentarischer Quelle. Ich übersetzte nicht nur einzelne Texte – ich übertrug eine gesamte Struktur. Beide Ebenen mussten klar voneinander geschieden werden: Die narrative Ebene verlangte sprachliche Klarheit, die dokumentarische äußerste formale Präzision.

Eine besondere Herausforderung lag in der Übersetzung der Verwaltungsdokumente aus der Zeit des Dritten Reiches. Diese Sprache operiert mit Kategorien, Paragrafen und klar definierten Zuständigkeiten. Gefühle kennt sie nicht. Sie trifft Entscheidungen und ordnet ihre Ausführung an. In ihr ist von „Überstellung“, „Sicherstellung“ und „Lösung“ die Rede. Bei der Übersetzung durfte nichts sprachlich geglättet und nichts moralisch kommentiert werden. Eine Quelle darf nicht durch die Sensibilität der Gegenwart gefiltert werden. Ihre Brutalität liegt in ihrer formalen Neutralität – in einer sprachlichen Sterilität, die Gewalt verdeckt.

Einen anderen Charakter hatten die Prozessunterlagen, insbesondere die Dokumente aus dem Verfahren gegen den Danziger Gauleiter Albert Forster. Hier trat die Sprache des Zeugnisses hervor: Aussagen. Rekonstruktionen von Ereignissen nach Jahren. Erinnerung, die auf das Verfahren traf. Gerade an dieser Stelle war terminologische Präzision entscheidend. Satzbau, Formulierung der Anklagepunkte und die Rhetorik der Verteidigung mussten mit methodischer Genauigkeit nachvollzogen werden. Ich vereinfachte nicht. Ich glättete nicht. Ich bildete nach.

Die Übersetzung einer musealen Ausstellung unterscheidet sich grundlegend von der eines Buches oder eines wissenschaftlichen Fachartikels. Der Text wirkt im Raum und unterliegt dessen Bedingungen. Jede Tafel verfügt über eine festgelegte Fläche, multimediale Stationen folgen einer eigenen Rezeptionslogik. Der Text muss lesbar sein, ohne vereinfacht zu werden; prägnant, ohne an Bedeutung einzubüßen. Jeder Satz war Teil einer übergeordneten Struktur. Terminologische Kohärenz war dabei unerlässlich. Die Bezeichnungen von Institutionen und rechtlichen Kategorien mussten durchgängig einheitlich bleiben. Ein einziger unpräziser Begriff konnte das Gefüge ins Wanken bringen.

Soll ein Übersetzer Distanz wahren? In der Theorie – ja. In der Praxis ist es komplexer. Die Arbeit an Materialien zum Massaker von Piaśnica war mit einer realen Belastung verbunden. Die Lektüre von Exhumierungsprotokollen, Zeugenaussagen und Berichten über Erschießungen ist alles andere als neutral. Es gab Momente, in denen ich die Arbeit unterbrach – nicht aus terminologischen Gründen, sondern wegen der Schwere des Inhalts. Jedoch führte gerade dieses Bewusstsein zu größerer Präzision. Ein Fehler in einem solchen Text ist nicht bloß ein sprachliches Versehen. Er kann zu einer Verzerrung der Erinnerung werden.

In den Übersetzungen blieb die formale Struktur der Dokumente ebenso gewahrt wie ihre juristische Terminologie und ihre historische Sprachschicht. Die Quellen wurden weder vereinfacht noch interpretativ verändert. Ich habe ihre argumentative und rhetorische Struktur nachvollzogen und wiedergegeben. In einem solchen Projekt ist der Übersetzer kein Erzähler. Er ist Vermittler zwischen Dokument und Rezipient. Er ermöglicht Zugang, ohne eine Deutung festzulegen. Das Nebeneinander von interpretierendem Text und originaler Quelle erforderte eine konsequente Differenzierung der sprachlichen Register. Es war eine Arbeit auf der Ebene feinster Nuancen: der Satzlängen, der Passivkonstruktionen und unpersönlicher Formulierungen.

Das Ergebnis ist eine deutschsprachige Textebene, die Ausstellung, Archivbestände und Gerichtsakten gleichermaßen trägt. Im Ausstellungsraum begegnen sich interpretierende Texte und originale Quellen – jeweils in ihrer eigenen sprachlichen und strukturellen Gestalt. Die Übersetzung einer solchen Ausstellung geht über eine rein sprachliche Tätigkeit hinaus. Sie bedeutet Mitwirkung an einem Prozess des Erinnerns und an einer Erzählstruktur für ein deutschsprachiges Publikum. Zwischen Geschichte und Dokument bleibt Verantwortung – für das Wort, für den Klang und für das Schweigen dort, wo auch das Dokument schweigt. Die Übersetzung von Geschichte bedeutet, Bedeutungen zwischen unterschiedlichen Kontexten und Erinnerungssystemen zu übertragen. Es ist eine Last, die sich mit der Abgabe einer Datei nicht ablegen lässt.

Mehr lesen

Teilen
http://www.historische-uebersetzungen.de/notizen-eines-ubersetzers/ubersetzung-im-raum-der-erinnerung-arbeit-an-der-ausstellung-im-piasnica-museum Copied
Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag

Ostatnie posty

Das Wort aus dem Schatten: „Państwo“ – „Der Staat“. Katharsis eines Dolmetschers.
Jan 08, 2024
Übersetzung im Raum der Erinnerung. Arbeit an der Ausstellung im Piaśnica-Museum.
Okt 11, 2023
Krakau als Fußnote? Warum musste dieser Text auf Deutsch übersetzt werden.
Sep 28, 2018
Mit Handschriften arbeiten. Anmerkungen am Rand eines Buches über das Dorf Łąkorz.
Jun 14, 2011
Nicht nur Dialoge. Wie man die Welt eines Spiels übersetzt.
Okt 11, 2009
Was hält eine Karte wirklich fest? Über Bergbaukarten, Archive und die Sprache der Übersetzung.
Okt 11, 2007
Gebrauchsanweisung der Falte. Zwischen Materie und Wort.
Jun 07, 2005
Wenn ein Text elf Tonnen wiegt. Was mit der Sprache geschieht, wenn sie sich einem Dom stellt.
Okt 11, 2001
Das Wort aus dem Schatten: „Państwo“ – „Der Staat“. Katharsis eines Dolmetschers.
Jan 08, 2024
Das Wort aus dem Schatten: „Państwo“ – „Der Staat“. Katharsis eines Dolmetschers.
Übersetzung im Raum der Erinnerung. Arbeit an der Ausstellung im Piaśnica-Museum.
Okt 11, 2023
Übersetzung im Raum der Erinnerung. Arbeit an der Ausstellung im Piaśnica-Museum.
Krakau als Fußnote? Warum musste dieser Text auf Deutsch übersetzt werden.
Sep 28, 2018
Krakau als Fußnote? Warum musste dieser Text auf Deutsch übersetzt werden.
Dominik
Made with Pixpa
Teilen
http://www.historische-uebersetzungen.de/notizen-eines-ubersetzers/ubersetzung-im-raum-der-erinnerung-arbeit-an-der-ausstellung-im-piasnica-museum Copied