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Jan 08, 2024

Das Wort aus dem Schatten: „Państwo“ – „Der Staat“. Katharsis eines Dolmetschers.

Platons „Staat“ hat etwas Trügerisches. Er wirkt wie ein bereits abgeschlossener Text. Alles scheint darin schon vorhanden zu sein – die Fragen, die Antworten, die Gegenargumente, die Ordnung des Denkens. Man begegnet ihm im Studium, kehrt später zu ihm zurück, zitiert ihn, ruft ihn auf, fügt ihn in die eigene Gedankenlandschaft ein. Der Text bleibt. Er erscheint stabil und vorhersehbar – selbst dort, wo er herausfordert.

Im Theater zeigt sich jedoch, dass diese Stabilität nicht trägt.

Im Theater muss ein Text, der „zu wissen meint, was er ist“, entwaffnet werden.
Ein Wort darf nicht beim bloßen Bedeutungsgehalt stehenbleiben. Auf der Bühne muss es Stimme, Tempo und die Präsenz des Körpers aushalten. Erst dann zeigt sich, ob ein Satz in der Zeit trägt – oder ob er nur auf dem Papier gut klang.
„Państwo / Der Staat“ am Słowacki-Theater in Kraków war deshalb keine weitere Begegnung mit Platon, sondern der Moment, in dem dieser Text geprüft wurde.

Entscheidend war für mich als Dolmetscher, dass es keine Position ohne Risiko gab. Die Sprache stand im Zentrum – an einem Punkt, an dem ein Satz noch nicht wusste, ob er dem Tempo der Szene standhält, und der Sinn nicht sicher war, ob er die Phrase zu Ende tragen kann. Unter diesen Bedingungen hörte das Dolmetschen auf, bloße Übertragung zu sein. Es wurde Teil eines Vorgangs, der sich erst im Augenblick auf der Bühne entschied.

Entscheidend war für mich als Dolmetscher, dass es keine Position ohne Risiko gab. Die Sprache stand im Zentrum – an einem Punkt, an dem ein Satz noch nicht wusste, ob er dem Tempo der Szene standhält, und der Sinn nicht sicher war, ob er die Phrase zu Ende tragen kann. Unter diesen Bedingungen hörte das Dolmetschen auf, bloße Übertragung zu sein. Es wurde Teil eines Vorgangs, der sich erst im Augenblick auf der Bühne entschied.

In diesem Prozess hörte die Ausgangssprache auf, ein abstrakter Bezugspunkt zu sein. Das Griechische war nicht länger ein „Original“, auf das man sich ständig zurückzubeziehen hatte, sondern eine lebendige Struktur, die ebenso konkrete Entscheidungen verlangte wie die deutsche Ebene der Inszenierung. Die Anwesenheit von Olga Śmiechowicz, die sowohl als Übersetzerin aus dem Griechischen als auch als Sprachberaterin beteiligt war, führte uns fast zwangsläufig zu einer gemeinsamen Frage: Wie lässt sich Platons Text im Verlauf der Aufführung wirksam machen, statt nur seine formale Korrektheit zu sichern? Wir arbeiteten in unterschiedlichen Sprachen, doch sie führten uns an denselben Punkt – dorthin, wo Sinn aufhört, bloßer Text zu sein, und beginnt, Ereignis zu werden. Der gemeinsame Nenner war daher kein philologischer, sondern ein szenischer.

In diesem Sinne war die Begegnung mit Jan Klata für mich außergewöhnlich.
Seine Art, Theater zu denken, kennt weder den Schutz des Textes noch interpretatorischen Komfort. Der Text ist Material, das radikalen Bedingungen standhalten muss: Kürzungen, Verschiebungen, Konfrontation mit einer anderen Sprache, mit Ironie, mit dem brutalen Tempo der Bühne. Nichts war hier endgültig; jede Phrase musste sich im Moment auf der Bühne behaupten.

Eine solche Herangehensweise des Regisseurs verändert, wie ein Dolmetscher über Sprache denkt. Eine „korrekte translatorische Lösung“ ist kein Rückzugsort mehr – Verantwortung verlagert sich auf das, was sich auf der Bühne im Hier und Jetzt ereignet. Klatas Radikalismus besteht darin, der Sprache ihr Alibi zu nehmen und sie in eine Lage zu bringen, in der sie entweder zu wirken beginnt oder ihre Leere zeigt.

Für Theaterleute ist das selbstverständlich; für jene, die im Raum des Textes leben, oft eine Entdeckung: Das tiefste Verständnis entsteht hier nicht aus Analyse, sondern aus Risiko – aus der Akzeptanz, dass Sprache scheitern kann oder auf eine Weise zu wirken beginnt, die niemand vorausgesehen hat.

Nach dieser Erfahrung fällt es schwer, zu Platons „Staat“ wie zu einem Buch zurückzukehren, das man zu kennen glaubt. Er hört auf, Objekt des Wissens zu sein, und wird zum Ereignis – bestimmt durch den Moment, in dem er gesprochen wird. Das Theater nimmt ihm den Schutz der Kommentare und setzt ihn der Gegenwart aus. Und wenn er zu sprechen beginnt, zeigt sich, dass er nicht vom idealen Staatswesen oder von antiken Konflikten handelt, sondern von uns – hier und jetzt –, davon, wie Sprache Gemeinschaft ordnet und wie leicht sie sich gegen sie wenden kann.

Die Teilnahme an diesem Projekt war eine einmalige Erfahrung. Nicht, weil sie „wichtig“ gewesen wäre, sondern weil sie sich nicht wiederholen lässt. Es war eine Erfahrung, nach der Sprache aufhört, bloßes Werkzeug zu sein, und zu einem Ort wird, an dem etwas geschieht – eine Bühne, auf der Sinn nicht vorausgesetzt ist, sondern im Spannungsfeld entsteht.

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