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Jun 07, 2005

Gebrauchsanweisung der Falte. Zwischen Materie und Wort.

Bei der Arbeit an Übersetzungen wissenschaftlicher Texte in Tagungsbänden merke ich jedes Mal, wie entscheidend das frühzeitige Erfassen des begrifflichen Apparats ist, innerhalb dessen sich die Autorinnen und Autoren bewegen. Sammelbände sind für mich nie homogene Publikationen; sie verbinden unterschiedliche Forschungstraditionen, Denkweisen und methodische Zugänge. Gerade deshalb kann es keine „universalen“ Übersetzungslösungen geben. Jede translatorische Entscheidung entsteht neu, im engen Dialog mit dem jeweiligen Text. Bei dem Band Wokół Wita Stwosza, einer Publikation des Nationalmuseums in Krakau, zeigte sich diese Herausforderung besonders deutlich. Ich arbeitete mit Beiträgen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen: Kunstgeschichte, Restaurierung, Textilforschung, Handwerksgeschichte sowie Kostümkunde. Jede dieser Fachrichtungen verfügt über eine eigene Sprache, eigene begriffliche Feinheiten und implizite Annahmen, die sich nicht immer problemlos ins Deutsche übertragen lassen. Meine Arbeit bestand daher nicht nur im Finden terminologischer Entsprechungen, sondern vor allem darin, die Unterschiede zwischen den Disziplinen sichtbar zu halten, ohne sie zu vereinfachen oder zu glätten.

Besondere Aufmerksamkeit habe ich den Texten gewidmet, die sich mit der Analyse der Draperie in der Skulptur von Veit Stoß befassen. Begriffe wie „Draperie“, „Gewand“, „Falte“ oder „Lendenschurz“ funktionieren in der Kunstgeschichte nicht nur als deskriptive Bezeichnungen, sondern tragen jeweils spezifische interpretatorische Konzepte in sich. Jede terminologische Entscheidung griff damit unmittelbar in das Verständnis der Beziehung zwischen dem Realismus der Figuren und der expressiven Behandlung des Stoffes ein. Gerade an diesen Stellen wurde mir bewusst, wie stark Übersetzung nicht nur Bedeutung überträgt, sondern Deutungsräume öffnet oder verschiebt.

Die Arbeit mit Handschriften ist stets mit der Notwendigkeit verbunden, Entscheidungen zu treffen, auch dann, wenn der Übersetzer natürlich keine Interpretation im eigentlichen Sinne vornehmen darf. Die Grenze zwischen dem Erfassen und dem Hinzufügen ist dabei schmal, insbesondere dort, wo der Text fragmentarisch bleibt oder in einer verkürzten Form notiert ist, die ein gemeinsames Wissen zwischen Verfasser und ursprünglichem Adressaten voraussetzt. Jede lexikalische Entscheidung ordnet das Material neu, verschiebt Akzente, setzt Hierarchien und stabilisiert Bedeutungen an Stellen, an denen im Original Offenheit oder Unbestimmtheit herrschten.

In den Texten, die sich auf die Forschungen von Jerzy Gadomski bezogen, bestand die zentrale Aufgabe darin, den Bedeutungsgehalt des Begriffs „Stildualismus“ präzise zu erfassen. Gemeint ist hier ein Spannungsverhältnis, in dem die realistische Auffassung des Körpers mit einer autonomen, beinahe abstrakten Form der Draperie koexistiert. Die Übersetzung dieser Passagen verlangte daher von mir mehr als sprachliche Korrektheit. Entscheidend war das Bewusstsein, dass das Gewebe nicht als der Anatomie untergeordnetes Element, sondern als eigenständiges künstlerisches Ausdrucksmittel mit eigener Logik und eigener Aussagekraft fungiert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt meiner Übersetzungsarbeit betraf jene Textpassagen, die auf Forschungen zu Textilien des 15. Jahrhunderts Bezug nahmen. Beschreibungen der Eigenschaften von Leinen, Seide oder Samt sowie ihrer Reaktion auf Bewegung und Gewicht verlangten nach einer präzisen technischen Sprache. Zugleich war es notwendig, das feine Verhältnis zwischen empirischer Beobachtung und der Interpretation der skulpturalen Form zu wahren. Gerade hier zeigte sich für mich besonders deutlich, wie eng materialkundliche Genauigkeit und kunsthistorische Deutung miteinander verschränkt sind und wie leicht eine unbedachte sprachliche Entscheidung dieses Gleichgewicht verschieben kann.

Eine zusätzliche Herausforderung ergab sich aus der nur teilweisen Deckungsgleichheit der in der polnischen und der deutschen Kunstgeschichte gebräuchlichen Terminologie. Begriffe wie Spätgotik entsprechen nicht vollständig den Kategorien, mit denen in der polnischen Forschung zur Kunst des späten Mittelalters gearbeitet wird. Diese Unterschiede sind nicht rein sprachlicher Natur. Sie prägen den Zugang zu Ausdruck, Form und Bedeutungsgehalt eines Werkes und beeinflussen damit unmittelbar dessen Beschreibung und Interpretation. In der Übersetzung mussten sie daher bewusst reflektiert und mitgedacht werden.

Die Arbeit an Texten dieser Art bestätigt für mich immer wieder, dass die Übersetzung kunsthistorischer Texte weit über die bloße Auswahl lexikalischer Entsprechungen hinausgeht. Es handelt sich um einen Prozess, der ein Verständnis des jeweiligen Forschungskontexts, der interpretatorischen Traditionen sowie der Funktion einzelner Begriffe innerhalb der Disziplin voraussetzt. In diesem Spannungsfeld bewege ich mich als Übersetzer - an der Schnittstelle von Sprache, Methodologie und Kunstgeschichte.

In diesem Sinne ist die Übersetzung von Texten zur Kunst von Veit Stoß für mich keineswegs nur ein technischer Arbeitsschritt. Sie bildet vielmehr einen integralen Bestandteil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Material, in der jedes Wort eine bestimmte Vorstellung von Form, Ausdruck und Bedeutung des Werks transportiert. Die Entscheidungen, die ich als Übersetzer treffe, werden hier selbst zu einem Moment der Interpretation und wirken darauf ein, wie die Arbeiten von Veit Stoß im wissenschaftlichen und musealen Diskurs rezipiert und verstanden werden.

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