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Okt 11, 2014

Stettin oder Szczecin? Lubinus’ Karte und die Sprache der Erinnerung

„Stettin“ und „Szczecin“ bezeichnen heute dieselbe Stadt. Dennoch tragen beide Namen bis heute unterschiedliche historische Erfahrungen und Erinnerungen in sich.

Die Arbeit an der deutschen Fassung des Reiseführers Auf Lubinus` Spuren. Ein ungewöhnlicher Reisführer machte mir schnell deutlich, dass die eigentliche Herausforderung dieses Projekts nicht in der Übersetzung der Sprache lag. Weitaus schwieriger war es, einen Raum zu übersetzen, der zugleich von zwei unterschiedlichen historischen Erinnerungstraditionen geprägt wird.

Das Projekt führt die Leser durch Städte, Klöster, Hafenorte und ehemalige herzogliche Residenzen, die heute auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze liegen. Bereits die Struktur der Publikation machte deutlich, dass Sprache hier weit mehr als ein bloßes Mittel zur Informationsvermittlung ist. Sie wird zu einem Mittel, sich zwischen unterschiedlichen Verständnissen desselben Raumes zu bewegen.

Die deutsche Fassung des Reiseführers erforderte ein sensibles Gleichgewicht zwischen moderner touristischer Sprache, der historischen Terminologie der Region und unterschiedlichen Erinnerungstraditionen auf beiden Seiten der Grenze.
In der Praxis bedeutete dies, fortlaufend Entscheidungen zu treffen, die nur auf den ersten Blick rein übersetzerischer Natur waren.

Besonders deutlich zeigte sich dies bei den Ortsnamen. Szczecin existiert doch zugleich als Stettin, Kołobrzeg als Kolberg und Wolin als Wollin. In einer gewöhnlichen Übersetzung könnte man sie lediglich als unterschiedliche sprachliche Bezeichnungen derselben Orte verstehen. Die eigentliche Herausforderung bestand jedoch darin, dass jede dieser Bezeichnungen einen etwas anderen Erinnerungsraum aufruft.

Für polnische Leser ist Szczecin heute in erster Linie eine moderne Stadt in der Woiwodschaft Westpommern. Für viele deutsche Leser bleibt Stettin hingegen Teil einer historischen Geographie, die in familiären Erinnerungen, regionaler Literatur und Vorkriegspublikationen weiterlebt. Ein Übersetzer, der mit solchem Material arbeitet, erkennt sehr schnell, dass er nicht allein mit Worten zu tun hat. Er bewegt sich zugleich im Raum von Assoziationen, Emotionen und historischen Bezugspunkten.

Noch deutlicher zeigte sich dies bei den im Reiseführer auftauchenden Legenden, lokalen Erzählungen und alten Redewendungen. Solche Texte sind fast immer tief in den lokalen Sprach- und Erinnerungstraditionen verwurzelt. Ihre korrekte Übersetzung allein reicht deshalb nicht aus. Man muss vielmehr entscheiden, was an einer bestimmten Stelle schwerer wiegt: die wörtliche Bedeutung, der Rhythmus der Erzählung, der lokale Klang oder vielleicht die Art und Weise, wie eine Geschichte im regionalen Gedächtnis der Einwohner weiterlebt.

In solchen Momenten hört das Übersetzen auf, eine bloße Arbeit am Text zu sein. Es wird immer mehr zu einem Versuch, ein Gleichgewicht zwischen unterschiedlichen Erinnerungstraditionen zu halten, die in einem gemeinsamen Raum aufeinandertreffen.

Das galt auch für die historische Sprache selbst. Pommern, wie es in der deutschen Geschichtsschreibung beschrieben wird, folgt häufig anderen historischen und begrifflichen Ordnungssystemen als jenen, die im heutigen polnischen Sprachgebrauch präsent sind. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Begriffen aus den ehemaligen Verwaltungsstrukturen, der Geschichte der Reformation, der Hansestädte oder des pommerschen Adels. In solchen Fällen muss der Übersetzer nicht nur eine sprachlich passende Entsprechung finden, sondern auch berücksichtigen, wie ein bestimmter Begriff von Leserinnen und Lesern wahrgenommen wird, die in einer anderen historischen Tradition verankert sind.

Paradoxerweise zeigen gerade grenzüberschreitende Projekte besonders deutlich, dass politische Grenzen nur selten mit den Grenzen historischer Erinnerung übereinstimmen.
Lubinus’ Karte macht dies besonders deutlich. Sie entstand zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Versuch, das gesamte Herzogtum Pommern noch vor der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges und den späteren politischen Umbrüchen in eine Ordnung zu bringen. Vierhundert Jahre später existiert derselbe Raum noch immer, zugleich lebt er jedoch in unterschiedlichen historischen und sprachlichen Vorstellungen weiter.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz solcher Projekte aus der Perspektive eines Übersetzers der Geschichte. Übersetzen bedeutet hier weit mehr als die bloße Übertragung von Inhalten zwischen zwei Sprachen. Es wird zu einer Arbeit an der Schnittstelle von Erinnerung, Geographie und unterschiedlichen Formen historischen Erzählens.
Und sehr oft sind es gerade diese unsichtbaren Spannungen, die den eigentlichen Kern des gesamten Prozesses ausmachen.

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