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Mai 15, 2026

Der Keller in Ziębice. Warum ich historische Texte nicht aus der Ferne übersetzen kann.


Ich war damals Anfang zwanzig und studierte in Wien. Es war das letzte Jahr meines Studiums der Kunstgeschichte, Polonistik und Philosophie. Je näher das Ende des Studiums rückte, desto deutlicher spürte ich, dass ich weder Kunsthistoriker noch Polonist oder Philosoph werden wollte. Jahrelang lebte ich zwischen Büchern, Bibliotheken, Seminaren und Texten, doch mit der Zeit wurde mir immer klarer, dass ich darin keinen Platz für mich fand. Ich wusste damals noch nicht, was ich nach dem Studium machen sollte. Ich wusste nur, dass ich nicht den Weg einschlagen wollte, den alle um mich herum für selbstverständlich hielten.

Genau in dieser Zeit traf ich während einer Latein-Vorlesung eine Kommilitonin, die mir sagte, dass es in Wien jemanden gebe, der mich treffen wolle. Dieser Jemand war Adam.

Dieser Nachmittag ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben. Wir trafen uns am Stephansdom. Es war kalt, Regen lag in der Luft, und der Wind trieb die Menschen über den Platz. Dann gingen wir ins Café Hawelka. Bei einer Wiener Melange erzählte Adam von Ziębice, von Joseph Langer und von Sammlungen, die jahrzehntelang im Keller eines Museums verborgen gelegen hatten, das zu Zeiten der Volksrepublik Polen als Museum für historischen Hausrat fungierte. Dort lagen Skulpturen, Gemälde, Aquarelle, Skizzen und Gegenstände, die über Jahrzehnte nahezu in Vergessenheit geraten waren. Adam sprach darüber mit einer solchen Eindringlichkeit, als erzähle er nicht von Kunstwerken, sondern von einem Menschen, der nach vielen Jahren plötzlich zurückgekehrt war.


Heute denke ich, dass sich damals etwas ereignete, das weit über ein gewöhnliches Treffen im Zusammenhang mit einer Übersetzung hinausging. Damals, in diesem verrauchten Kaffeehaus, wusste ich es noch nicht, doch genau dort nahm mein späteres Berufsleben seinen Anfang. Jahrelang hatte ich Kunstgeschichte, Philosophie und Sprache studiert und versucht, zwischen diesen Welten meinen eigenen Platz zu finden. Erst dort, bei Kaffee und einem Gespräch über Joseph Langer, begriff ich zum ersten Mal, dass sich diese drei Welten miteinander verbinden ließen. Dass man mit Kunstgeschichte nicht nur innerhalb eines akademischen Fachgebiets arbeiten kann, sondern auch als jemand, der versucht, die Erinnerung an Menschen, Orte und vergangene Welten in der Sprache zu bewahren, bevor sie langsam verschwinden.

Warum auch immer – ich war sofort ganz in Langers Welt versunken. Etwas an dieser Geschichte ließ mich seitdem nicht mehr los. Vielleicht war es der Gedanke, dass all diese Dinge jahrzehntelang mitten unter den Menschen existierten und dennoch unsichtbar blieben, als hätte die Welt sie längst vergessen. Vielleicht war es aber auch nur dieses schwer erklärbare Gefühl, dass dort etwas begann, dem ich weiter folgen wollte.

Kurz darauf fuhr ich nach Ziębice. Die erste Publikation, die ich übersetzen sollte, war ein Katalog mit Skulpturen von Joseph Langer. Bevor ich mit der Übersetzung begann, wollte ich sie mit eigenen Augen sehen. An diesen Tag erinnere ich mich noch sehr genau: an den Geruch alten Holzes, an die Kühle der Museumsräume, an diese eigentümliche Stille. Und die Gesichter auf den Gemälden von Langer, die mich tief beeindruckten. Nicht, weil sie besonders eindrucksvoll gewesen wären. Sondern eher, weil sie etwas zutiefst Menschliches und zugleich Trauriges in sich trugen. Nach Jahren des Vergessens waren sie dort wie stille Zeugen einer Welt, die längst verschwunden war.


Damals verstand ich zum ersten Mal etwas, das mich bis heute begleitet: Ich kann Geschichte und Kunstgeschichte nicht aus der Ferne übersetzen. Ein Text ist niemals nur ein Text. Hinter jedem Satz stehen konkrete Orte, Materialien, Licht, Gerüche, das Gewicht von Holz oder die Kälte von Stein. Ich muss die Räume sehen, von denen ein Text erzählt. Die Gegenstände berühren. Durch die Säle eines Museums gehen. Erst dann beginne ich den Rhythmus der Sprache zu verstehen, in der der Text entstanden ist. Sonst bleibt für mich alles zu flach und zu abstrakt. Seit jener Zeit versuche ich immer zuerst die Welt kennenzulernen, die ich später übersetzen soll.

Danach kamen weitere Jahre. Weitere Texte. Ausstellungskataloge, wissenschaftliche Aufsätze, Tagungsmaterialien, eine Dissertation. Zwischendurch organisierten Adam und ich gemeinsam eine Ausstellung zu Joseph Langer in Bielefeld. Zum ersten Mal erlebte ich damals, wie sehr sich Kunst verändert, sobald sie den Raum von Reproduktionen und wissenschaftlichen Texten verlässt und wieder physisch präsent wird. Ich erinnere mich noch an das Auspacken der Werke, an Gespräche über Licht, Hängung und Reihenfolgen, darüber, wie man Langer einem deutschen Publikum zeigen könnte.


Vielleicht begann ich gerade damals zu verstehen, dass Kunstgeschichte für mich niemals nur aus Sprache bestehen würde. Dass man Werke sehen, Räume betreten und die materielle Präsenz der Dinge spüren muss, bevor man überhaupt versucht, über sie zu schreiben oder sie zu übersetzen.

Ich fuhr immer wieder nach Ziębice. Mit der Zeit lernte ich nicht nur Langers Welt immer besser kennen, sondern auch die Menschen, die über viele Jahre hinweg versucht hatten, die Erinnerung an ihn und sein Werk lebendig zu halten. Irgendwann bemerkte ich nicht einmal mehr, wann Joseph Langer aufgehört hatte, für mich nur ein kunsthistorisches Thema zu sein. Er kehrte einfach immer wieder zurück. In Übersetzungen, Gesprächen, Reisen und Begegnungen. Heute denke ich, dass er mich eigentlich nie mehr verlassen hat. Er war während meines gesamten Berufslebens irgendwo im Hintergrund präsent.


Seitdem ist über ein Vierteljahrhundert vergangen.

In dieser Zeit habe ich Tausende Seiten über Kunstgeschichte, Restaurierung, Geschichte und Kultur übersetzt. Ich arbeitete an Ausstellungskatalogen, wissenschaftlichen Publikationen, Tagungsbänden und historischen Handschriften. Und doch hatte ich jedes Mal, wenn ich zu Joseph Langer zurückkehrte, das Gefühl, wieder an den Anfang zurückzukommen. Zu jenem Gespräch im Café Hawelka. Zu dem jungen Mann, der in Wien bei einer Tasse Kaffee saß und panische Angst vor der Zukunft hatte, weil er nicht wusste, was nach dem Studium aus seinem Leben werden sollte. Heute glaube ich, dass genau darin der Grund liegt, warum mich diese Geschichte über so viele Jahre hinweg begleitet hat. Weil sie mich an den Moment erinnert, in dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, vielleicht meinen eigenen Platz zwischen Kunstgeschichte, Sprache und der Erzählung über vergangene Welten gefunden zu haben.

Viele Jahre lang glaubte ich, Joseph Langer und seine Welt inzwischen gut zu kennen, als wäre diese Geschichte längst erzählt. Und genau in diesem Moment tauchte nach vielen Jahren plötzlich Langers Tagebuch wieder auf, das lange Zeit als verschollen gegolten hatte. Dieses Mal übersetzte ich keinen Text über ihn. Dieses Mal übersetzte ich seine eigenen Worte. Die größte Herausforderung lag dabei nicht in der Handschrift oder in den alten Sprachformen. Die eigentliche Schwierigkeit war eine andere: Wie übersetzt man einen Menschen, der nicht mehr lebt, ohne ihm seine eigene Stimme zu nehmen? Wie macht man ihn für heutige Leser verständlich und sorgt zugleich dafür, dass weiterhin Joseph Langer spricht – und nicht der Übersetzer an seiner Stelle?

Über all die Jahre hinweg hat mich Joseph Langer mehr über das Übersetzen kunsthistorischer Texte gelehrt als jede Universität. Er hat mir gezeigt, dass Übersetzen nicht mit Sprache beginnt. Es beginnt damit, in die Welt eines anderen Menschen einzutreten. Mit Geduld. Mit Zuhören. Mit dem Versuch, Menschen zu verstehen, die längst nicht mehr da sind.

Bis heute hängt in unserem Haus eine Fotografie von Joseph Langer. Ich betrachte sie gerne. Sie zeigt Langer mit einem Kranz auf dem Kopf, gekleidet in ein Gewand, das für das Frühlingsfestes angefertigt worden war. Er wirkt zugleich würdevoll und seltsam. Wie jemand, der zwischen zwei Welten lebt. Zwischen einem Professor der Kunstakademie und einem Menschen, der sein ganzes Leben lang versucht hat, seinen eigenen Platz zu finden.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Joseph Langer in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren einfach irgendwo neben mir hergegangen ist.

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