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Okt 11, 2023

Das schwierigste Wort war ein einfaches. Haren/Maczków 1945–1948 und die Übersetzung der Erinnerung des Ortes.

Über viele Jahre habe ich mir angewöhnt, bevor ich einen Text über einen Ort übersetze, nach Möglichkeit zumindest einmal dorthin zu fahren. Nicht immer gelingt das. Aber wenn es irgendwie geht, möchte ich den Raum sehen, über den ich später in einer anderen Sprache schreiben werde. Nicht aus besonderer beruflicher Gewissenhaftigkeit, nicht, weil es sich so gehört, und auch nicht, um später sagen zu können, ich sei „vor Ort gewesen“. Eher aus einem inneren Bedürfnis heraus, das mit den Jahren Teil meiner Arbeitsweise geworden ist.

Ein Text über einen Ort ist für mich nie nur ein Text. Selbst wenn er sehr wissenschaftlich ist, voller Jahreszahlen, Fußnoten und Namen, verbirgt sich darunter immer ein Raum. Eine Straße. Ein Gebäude. Ein Friedhof. Eine Brücke. Ein Fluss. Der Geruch alten Holzes in einem Museumssaal oder diese besondere Kühle des Steins, die man in Kirchen spürt, wenn man früh hineingeht, noch bevor die ersten Besucher kommen. Erst dann beginnt ein Text für mich, an Gewicht zu gewinnen. Er hört auf, bloßes Übersetzungsmaterial zu sein, und wird zu einem Ausschnitt aus der Welt eines anderen Menschen.

So war es in Ziębice, als ich zum ersten Mal die Werke von Joseph Langer sah und plötzlich begriff, dass ich nicht nur einen Skulpturenkatalog übersetzte, sondern die Geschichte eines Menschen, dessen Welt über Jahrzehnte hinweg unter dem Kohlenstaub eines Kellers verborgen gelegen hatte. So war es auch bei der Arbeit an Szczecin und der Lubinus-Karte, als mir sehr schnell klar wurde, dass „Szczecin“ und „Stettin“ zwar dieselbe Stadt bezeichnen können, aber nicht unbedingt denselben Ort in der Erinnerung. So war es auch mit Kraków, das für mich nie eine neutrale Kulisse ist, weil ich zu oft durch dieselben Straßen gegangen bin, um so zu tun, als wären Namen, Kirchen und Bilder nur bloße Elemente einer Beschreibung.

Mit Haren war es anders.

Vor Beginn der Arbeit an dem Buch bin ich nicht nach Haren gefahren. Es war einfach nicht möglich. Eine Zeit lang hatte ich damit ein Problem, auch wenn ich es damals wahrscheinlich nicht laut gesagt hätte. Es fühlte sich nicht ganz richtig an. Ich sollte die Geschichte eines Ortes übersetzen, den ich nicht aus eigener Anschauung kannte. Ich hatte seine Straßen nicht gesehen. Ich war nicht an der Ems entlanggegangen. Ich hatte nicht vor den Gebäuden gestanden, von denen das Buch erzählt. Ich konnte nicht überprüfen, wie diese Stadt klingt, wenn man an einem gewöhnlichen Tag durch ihre Straßen geht, ohne Führung, ohne Feierlichkeit, ohne historischen Rahmen.

Und dann wurde mir mit der Zeit immer deutlicher: Selbst wenn ich damals nach Haren gefahren wäre, hätte ich nur einen von vielen Orten gesehen, die sich unter diesem Namen verbergen. Denn Haren in diesem Buche war nicht einfach eine Stadt im Emsland. Es war zugleich Maczków. Es war ein deutsches Städtchen, das seine Bewohner nach dem Krieg verlassen mussten. Es war eine polnische Stadt, die für einige Jahre zu einem Zuhause für Menschen wurde, die ihr eigenes Zuhause verloren hatten. Es war ein Raum militärischer Verwaltung, des Nachkriegschaos und der Versuche, Normalität wiederherzustellen. Und zugleich ein Raum von Hochzeiten, Schulen, Theatern, Geschäften, Büros, Friedhöfen und all den alltäglichen Dingen, die weitergehen mussten, obwohl ringsum alles vorläufig war.

Zuerst versuchte ich, mir diesen Ort vorzustellen. Dann begriff ich, dass ich dabei nicht zu schnell sein durfte. Vielleicht war das eine der wichtigsten Erfahrungen bei dieser Arbeit.

Denn wenn man nicht an einen Ort fahren kann, wächst die Versuchung, ihn sich zu schnell zurechtzulegen. Aus ein paar Fotografien. Aus einer Karte. Aus Straßennamen. Aus einem starken Bild, das allmählich das Ganze ersetzt. Die Geschichte von Haren und Maczków verträgt eine solche Vereinfachung nicht. Sie verlangt von Anfang an Geduld. Man muss zulassen, dass verschiedene Erzählungen nebeneinander bestehen, auch wenn sie sich nicht immer glatt zusammenfügen.

Es gab also das Haren der Menschen, die fortgehen mussten. Es gab das Maczków der Menschen, die nach Jahren des Krieges, der Lager, der Zwangsarbeit, der Heimatlosigkeit und der Ungewissheit für eine Weile versuchten, so zu leben, als hätte die Welt wieder eine Ordnung. Und es gab das spätere Haren, das lernen musste, von jener Zeit auf seine eigene Weise zu erzählen: aus der Distanz, aber nicht ohne innere Beteiligung.

Vielleicht waren gerade deshalb in diesem Buch nicht die großen Wörter das eigentliche Problem.

Natürlich gab es Begriffe, bei denen man innehalten musste. Heimat. Vertreibung. Evakuierung. Displaced Persons. Jeder dieser Begriffe trägt eine lange Geschichte mit sich, und jeder kann einen Übersetzer sehr leicht auf eine falsche Spur führen. Bei solchen Wörtern werde ich sofort vorsichtig. Ich weiß, dass der erste Wörterbucheintrag nicht genügt. Ich weiß, dass man den Kontext prüfen muss, die Tradition, in der ein Wort verwendet wird, die polnischen und die deutschen Empfindlichkeiten, manchmal auch das, was ein Wort verschweigt. Mit den Jahren vertraue ich solchen schwierigen Wörtern fast mehr als den einfachen. Sie warnen wenigstens.

Viel gefährlicher sind die scheinbar einfachen Wörter: Zuhause, Rückkehr, Stadt, Bewohner, die Eigenen, dort, hier.

Solche Wörter gleiten fast unbemerkt durch den Text. Sie sehen nicht nach einem Problem aus. Sie verlangen keine Fußnote. Sie zwingen einen nicht sofort dazu, zur Fachliteratur zu greifen. Und doch entscheiden gerade sie sehr oft darüber, aus welcher Perspektive eine Geschichte erzählt wird.

Denn was ist ein Zuhause in einem Buch über Haren und Maczków? Ist es ein Gebäude, zu dem jemand zurückkehren möchte? Ein Ort, den jemand verlassen musste? Ein Zimmer, das für einige Jahre von jemand anderem bewohnt wurde? Eine vorläufige Adresse, die mit der Zeit Züge eines wirklichen Lebens annimmt? Oder vielleicht etwas, das sich nicht mehr zurückgewinnen lässt und das man deshalb anderswo wenigstens für eine Weile neu zu schaffen versucht?

Das Wort bleibt einfach. Fast kindlich. Zuhause. Eines der ersten Wörter, die wir verstehen. Und doch hört es in einer solchen Geschichte plötzlich auf, selbstverständlich zu sein. Es beginnt zu zittern. Seine Bedeutung verändert sich, je nachdem, wer es sagt.

Ähnlich ist es mit der Rückkehr. Auf den ersten Blick weiß man, worum es geht. Jemand ist weggegangen, also kann er zurückkehren. Doch im Nachkriegseuropa bedeutete Rückkehr sehr oft keine Rückkehr in dieselbe Welt. Manchmal war das Haus bereits bewohnt. Manchmal hatten sich die Grenzen so verschoben, dass der frühere Ort in einem anderen Staat lag. Manchmal gab es niemanden mehr, zu dem man zurückkehren konnte. Manchmal kehrte ein Mensch zwar an denselben Ort zurück, aber nicht wirklich in dieselbe Welt, weil alles, was diesem Ort Sinn gegeben hatte, verschwunden war.

Und dann sitzt ein Übersetzer über einem scheinbar einfachen Satz viel länger, als dieser Satz es auf den ersten Blick verlangt. Nicht, weil er das Deutsche nicht versteht. Sondern weil er zu viel versteht, um einfach über ihn hinwegzugehen.

Ich glaube, genau darin unterscheidet sich das Übersetzen von Geschichte von einer gewöhnlichen Arbeit am Text. Ich glaube, genau darin unterscheidet sich das Übersetzen von Geschichte von einer gewöhnlichen Arbeit am Text. Irgendwann geht es nicht mehr darum, ob ich eine Entsprechung kenne. Es geht darum, ob ich hören kann, welches Gewicht ein Wort trägt. Ob ich erkenne, wann ein Autor einen Sachverhalt beschreibt und wann er versucht, Erinnerung zu berühren. Ob ich weiß, wann man erklären muss und wann es ehrlicher ist, einen Schatten der Ungewissheit stehen zu lassen, weil ein allzu klarer Satz der Geschichte schlicht nicht gerecht würde.

Bei diesem Buch kam mir oft der Gedanke, dass eine Erzählung dem Übersetzer nicht gehört, nur weil er sie in eine andere Sprache überträgt. Er sollte sie nicht verbessern, nicht glätten und nicht nach seinen eigenen Vorstellungen ordnen. Er ist eher jemand, der für eine Weile fremde Erinnerung in seiner Sprache trägt. Er muss sie vorsichtig hinübertragen: ohne Eile, ohne zu viel hinzuzufügen, aber auch ohne zu verschweigen, was für heutige Leserinnen und Leser erklärt werden muss.

Das ist ein schwieriges Gleichgewicht. Besonders dann, wenn ein Ort mehr als eine Erinnerung in sich trägt.

Haren und Maczków sind in dieser Hinsicht ein besonderer Fall. Für einige Jahre wurde derselbe Raum zum Ort zweier unterschiedlicher Erfahrungen, die sich einfachen Zusammenfassungen entziehen. Für die einen war er Verlust. Für die anderen Rettung. Für die einen ein Bruch der Kontinuität. Für die anderen der erste Versuch, nach der Katastrophe wieder ein Leben aufzubauen. Und all diese Perspektiven muss man ernst nehmen, auch wenn sie sich nicht auf eine glatte Erzählung reduzieren lassen.

Vielleicht blieben mir deshalb gerade diese scheinbar einfachen Wörter so lange im Kopf.

Nicht Heimat, obwohl dieses Wort natürlich wichtig ist. Nicht Vertreibung, obwohl sein Gewicht nicht zu übersehen ist. Nicht Displaced Persons, obwohl man ohne diesen Begriff die Nachkriegswelt von Maczków kaum verstehen kann.

Am schwierigsten waren die Wörter, die jeder von uns von Anfang an kennt. Zuhause. Rückkehr. Bewohner. Stadt. Denn gerade in ihnen übersieht man am leichtesten das Wichtigste. Sie wirken fast durchsichtig, und doch zeigt sich gerade an ihnen, ob ein Übersetzer die Geschichte, mit der er arbeitet, wirklich verstanden hat.

Und vielleicht sehe ich deshalb, wenn ich heute an dieses Buch denke, keinen einzelnen schwierigen Begriff, den ich gelöst hätte. Ich sehe eher einen Ort, den ich nicht besucht habe und dem ich mich über lange Zeit nur vorsichtig nähern konnte. Nicht, um ihn durch mein eigenes Bild zu ersetzen, sondern um den Erinnerungen anderer ihre Tiefe zu lassen.

Denn manchmal besteht das Schwierigste beim Übersetzen von Geschichte nicht darin, ein Wort zu finden. Sondern darin, sich davor zu hüten, zu schnell zu glauben, man habe es bereits gefunden.

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